Friedenskirche Wettringen

Evangelische Kirchengemeinde
Neuenkirchen-Wettringen

Gnadenkirche Neuenkirchen, Krs. Steinfurt


Die besondere Predigtreihe:
„Wie alttestamentliche Texte im Neuen Testament und im christlichen Glauben fortwirken“

pfeil 1. Predigt:
„Adam – der Sündenfall – und die Folgen“ (1. Mose 1,1-3,24)


1. Predigt:
„Adam – der Sündenfall – und die Folgen“ (1. Mose 1,1-3,24),

gehalten von Pfarrer Dietrich Wulf
am 22. Januar 2012 in der Friedenskirche zu Wettringen

(Textverlesung aus der Lutherbibel nach der Eingangsliturgie, unterbrochen durch Lieder)

1. Lesung aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 1, Verse 1 bis Kapitel 2, Vers 4a: Die Schöpfung

1
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. 7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. 8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.

9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. 10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. 11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. 12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.
17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde 18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.
21 Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. 23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.

24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.
25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.
30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.  

2
1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Lied 452,1+2+5

2. Lesung aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 2, Verse 4b bis 25: Das Paradies

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. 5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. 7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so cward der Mensch ein lebendiges Wesen.

8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
10 Und es ging aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme. 11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold; 12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch. 14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.

15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. 19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

Lied 503,13-15

3. Lesung aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1 bis 24: Der Sündenfall

3
1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

14 Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.

17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.

19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

20 Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. 21 Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Lied 495,1-3

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!
   
Im Jahr 2010 fiel mir ein Buch mit folgendem Titel in die Hand: „Die Verheißung des Neuen Bundes – Wie alttestamentliche Texte im Neuen Testament fortwirken“. Schon beim ersten Durchblättern kamen mir sofort einige Begriffspaare in den Sinn, die dann in der christlichen Theologie und im Glauben der Kirche immer eine große Rolle gespielt haben. Es sind dies Begriffspaare wie: Altes Testament – Neues Testament, Alter Bund – Neuer Bund, Verheißung und Erfüllung, Gesetz und Evangelium, Verwerfung und Erwählung, Synagoge und Kirche.

Im Vorwort des Buches wird dann ausführlich auf das Verhältnis von jüdischer Überlieferung und christlicher Interpretation derselben eingegangen und die Frage gestellt, wie dieser Vorgang zu bewerten ist. Was bedeutet es, wenn alttestamentliche Texte durch die christliche Brille gelesen werden? Anhand von siebzehn alttestamentlichen Schlüsseltexten, die dann im Neuen Testament neu interpretiert wurden, wird dieser Frage dann im Buch nachgegangen.

Ich möchte Ihnen, der Gemeinde, in unregelmäßiger Reihenfolge, die Ergebnisse dieser Überlegungen nun innerhalb von Predigten vorstellen. Eine ganze Predigtreihe wird dadurch entstehen, die wichtige Fragen des Glaubens und der Theologie in den Mittelpunkt stellen werden.


Also: „Wie alttestamentliche Texte im Neuen Testament und im christlichen Glauben fortwirken“. – Heute die erste Predigt: „Adam – der Sündenfall – und die Folgen“. Es geht um die ersten drei Kapitel der Bibel, die wir als Lesungen ja bereits gehört haben.

Liebe Gemeinde!

Was am Anfang eines Buches steht muss wichtig sein. Und so ist das auch mit der Bibel und mit den Texten 1. Mose Kapitel 1 bis 3: „Die Schöpfung – Das Paradies – Der Sündenfall“, - so sind sie in unserer Luther-Bibel überschrieben.
Auffällig ist als erstes, dass die Erschaffung der Welt gleich zweimal, aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt wird. Beide Berichte sind dabei sehr unterschiedlich gestaltet. Historische Berichte sind es beide nicht, das zumindest sollte heute den allermeisten Menschen klar sein. Beide sind keine Augenzeugenberichte, wie auch?, sondern verfolgen theologische Absichten.

Der erste Text, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen, versucht mit den wissenschaftlichen Mitteln der damaligen Zeit, Ordnung ins Chaos zu bringen – und das ja im wörtlichen Sinne. Eine sehr strikte Beschreibung der ersten sechs Tage, die dann auf den theologischen Höhepunkt, auf den siebenten Tag, auf den Sabbath, auf den Ruhetag Gottes und der Menschen, zuläuft.

Ganz anders der zweite Bericht: eine Erzählung, die einen Garten und die Menschen, die ihn pflegen beschreibt. Wasser hat in diesem Bericht eine positive Wirkung, im Gegensatz zum ersten Bericht, wo das Wasser eine große Bedrohung darstellt.
Beiden Berichten ist aber eines gemeinsam: der Mensch wird als Geschöpf Gottes vorgestellt. Alles was er ist, alles was er hat, alles was er kann -  verdankt er alleine Gott. Das ist eine Glaubensaussage.

Doch, so geht die Glaubensaussage weiter, es kommt dem Menschen innerhalb der Schöpfung ein besonderer Platz zu: Nach dem ersten Bericht wird er zum Schluss, quasi als die Krone der Schöpfung erschaffen – und es kommt ihm zu, Gott ähnlich zu sein. Daher auch der Auftrag über die Schöpfung zu herrschen.

Im zweiten Bericht steht der Mensch am Anfang der Erzählung von der Schöpfung. Durch den Odem Gottes, durch den Lebenshauch Gottes, wird er ins Leben gerufen und dann, an der weiteren Schöpfung sogar beteiligt, indem er alle Tiere beim Namen nennen darf.
All dies bedeutet: „der Mensch“ – „der Adam“, denn diese beiden Worte sind hier in der hebräischen Sprache deckungsgleich, wird durch das alttestamentliche Zeugnis ganz klar weit empor gehoben, kaum geringer als Gott ist er – sind wir. Die Bibel sagt: „Gott hat im Anfang den Menschen geschaffen und ihm die Entscheidung überlassen“ (Jesus Sirach 15,14).

Dann geschieht aber etwas, was den Menschen aus seiner bevorzugten Stellung hinauswirft: Der Mensch wendet sich gegen Gott, gegen seinen Willen, der Mensch wird zum Sünder. Neugier und Wissensdurst siegen. Die Folgen sind bekannt: Verlassen des Paradieses, Arbeit, Mühsal und Endlichkeit des Lebens, also der Tot.
Positives ist aber auch festzustellen: Aus dem Menschen, aus dem Adam werden Individuen: Adam, der Mann und Eva, die Mutter aller Lebenden. Zudem bleibt eine hohe Stellung: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“ (1. Mose 3,22). Aber die naive, kindliche Unschuld des Paradieses ist dahin.

In anderen Texten des Alten Testamentes, also außerhalb des 1. Buches Moses, spielt der Name Adam dann aber überhaupt keine Rolle mehr, ja, er wird nur noch einmal in einem Geschlechter-Register im 1. Chronik-Buch erwähnt.
Auch in der weiteren jüdischen Literatur außerhalb des Alten Testamentes kommt Adam nur sehr spärlich vor. Erst bei einem jüdischen Zeitgenossen Jesu, bei Philo von Alexandria (ca. 20 v. bis 50 n. Chr.), wird insbesondere von der „Schönheit“, „der Herrlichkeit“ Adams berichtet.
Aber diese Pracht verschwindet hinter dem Fehlverhalten Adams, hinter der Sünde. Allen Juden ist klar: „Großes Elend ist jedem Menschen zugeteilt, und ein schweres Joch liegt auf den Menschenkindern von Mutterleib an, bis sie zur Erde zurückkehren“ (Jesus Sirach 40,1). Wegen Adams Übertretung wurde der Tod über ihn und seine Nachkommen verhängt.

Schuld ist Adam, aber nicht nur er alleine, ebenso auch Eva: „Es ist keine Bosheit so schlimm wie Frauenbosheit. … Ihr Mann muss unwillkürlich vor Bitterkeit aufseufzen, wenn er mitten unter seinen Freunden sitzt“ sagt ein jüdisches, biblisches Sprichwort (Jesus Sirach 25,18.24).
Angesichts dessen scheint es nur zu verständlich, dass der „Stammvater“ der Welt bzw. der Menschheit nur recht selten in jüdischer Literatur Erwähnung findet. Nur wenn man an die Zukunft bei Gott denkt, wenn man an sein Himmelreich oder an eine „neue Schöpfung“ denkt, dann kommen Adam und das Paradies wieder in den Blick: Ja, so wie damals, so soll es wieder werden. Aber das ist noch weit weg – leider, kommt später einmal.

Wie kommt es aber nun, dass die Erzählungen aus den ersten drei Kapiteln der Bibel bei fast allen Christen so gut im Gedächtnis sind? „Die Schöpfung – Das Paradies – Adam und der Sündenfall“ – das ist doch sehr vertraut, oft seit Kindertagen.
Im Neuen Testament wird der Name „Adam“ immerhin in sieben Versen gebraucht, - mehr aber eben auch nicht. Entscheidend für das christliche Verständnis von Schöpfung und Paradies, von Adam und dem Sündenfall, sind zwei Texte des Apostels Paulus. Einmal im Brief an die Römer. Dort heißt es: „Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wie viel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten“ (Römer 5,17-19)

Und im 1. Korintherbrief schreibt Paulus: „Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Korinther 15,21 und 22)
Klar ist, nach dem Verständnis des Paulus: Was „der Adam“ was „der Mensch“ verbockt hat, das wird durch „den Christus“, „den Messias“ wieder gerade gerückt. Und von diesem Verständnis her, sind die übrigen Stellen des Neuen Testamentes in denen es um „Adam“ geht, in denen die ersten drei Kapitel der Bibel erwähnt werden, zu interpretieren.

So hat die gesamte Ethik Jesu, wie sie z.B. in der Bergpredigt niedergelegt ist, etwas damit zu tun, dass die ursprüngliche, als gut verstandene Schöpfungsordnung, durch den Christus wieder hergestellt bzw. erfüllt werden soll.
Ebenso die christliche Zukunftshoffnung: Das „Neue Jerusalem“, wie es in der Offenbarung des Johannes geschildert wird, der „Baum des Lebens“, der da erwähnt wird, alles bezieht sich zurück auf die alttestamentliche Überlieferung.
Zudem wird das  „Neue Jerusalem“ als die Braut des Lammes, also des Christus beschrieben – und damit der Zusammenhang mit Christus noch einmal hergestellt. Wörtlich heißt es: „Halleluja! Der Herr, unser Gott, der Allmächtige, hat das Reich eingenommen! Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann“ (Offenbarung des Johannes 19,8.9; 21,2).

Allerdings wird im Neuen Testament aus dem Bericht über den Sündenfall auch so zitiert, dass man Frauen damit mundtot machen kann: Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann Herr sei, sondern sie sei still. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen“ (1. Timotheus 2,11-14).

Das gehört sicherlich zu den unschönsten Möglichkeiten, sich auf das Alte Testament, sich auf Adam zu beziehen.
Zusammengefasst wird die christliche Auffassung vom Verhältnis des Adam zu dem Christus durch Paulus folgendermaßen: „Der erste Mensch, Adam, »wurde zu einem lebendigen Wesen« (1.Mose 2,7), und der letzte Adam zum Geist, der lebendig macht. Aber der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der natürliche; danach der geistliche. Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der zweite Mensch ist vom Himmel. Wie der irdische ist, so sind auch die irdischen; und wie der himmlische ist, so sind auch die himmlischen. Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen“ (1. Korinther 15,45-49).
Wiederum ist klar: der Christus bringt in Ordnung, was der Adam verschuldet hat – und das über alle Todesgrenzen hinaus.

Liebe Gemeinde!

Die meisten Luther-Bibeln haben hinten ein kleines Lexikon. Ich lese Ihnen einmal vor was da unter Adam steht:
„Adam - Ursprünglich kein Eigenname, sondern das hebräische Wort für »Mensch«, meist mit bestimmten Artikel als der Mensch gelesen. Nach Paulus hat Adam die ganze Menschheit in die Verfallenheit an Sünde und Tod hineingezogen. Ihm tritt Christus als der »letzte Adam« gegenüber, der die Adamsnachkommen vom Tod zum Leben führt.“

Der Mensch, der Adam, das sind wir, jede und jeder von uns. Daran hat Paulus keine Zweifel, Martin Luther geht es ebenso und auch die moderne Theologie sieht das nicht anders.

Dieser Adam mit all seinen Problemen, beladen mit seiner Sünde, ist auf Christus angewiesen, wir sind auf Christus angewiesen. Unser Menschsein kann nur dann wahres Menschsein werden, wenn wir zum Christsein finden. Ja, mit den Mystikerinnen und Mystikern aller Zeiten wage ich zu formulieren: Unser Menschsein kann nur dann wahres Menschsein werden, wenn wir zum Christussein finden, - ganz in Christus, in Gott aufgehen. Das ist die Aufgabe des Glaubens, unsere Aufgabe.          
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft und die Gemeinschaft des heiligen Geistes,  bewahre unserer Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                                                                                    
Amen.

Lied 181.6 (3mal)
Abkündigungen
Lied 184 (gesungenes Glaubensbekenntnis)

pfeil


 
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